#wirhaltenabstand

Ein schöner Frühlingstag im Königreich Hannover, 16 Grad. Wir haben unsere Arbeit für einen 90-minütigen Mittagsspaziergang unterbrochen. Es ist ruhig an diesem Freitag. Wir drehen eine Runde über Hainhaus, die Kamera hatte ich nicht mit, heute nur Fotos vom Smartphone. Ein Stück unseres Weges führt über den schönen Golfplatz, vorbei am Polofeld, durch die kleinen Siedlungen Maspe und Altenhorst, dann ist die Runde in Kaltenweide komplett. Wir haben wirklich ein schönes Fleckchen Erde erwischt, die Großstadt ist nah und doch weit genug weg, der Flughafen, nur 5 Minuten entfernt, seit Tagen ganz ruhig und auch der Verkehr auf der nahen Autobahn klingt anders.

Es sind vereinzelte Jogger unterwegs, ein paar ältere Ehepaare mit und ohne Hund, der alte Herr am Golfplatz sah mit seiner Statur und dem langen Bart aus wie Dusty Hill, der Bassist von ZZ Top. In anderen Zeiten hätte ich gefragt, ob ich ein Foto mit ihm machen darf. Aber nun ist Abstand angesagt. Social Distancing auf „Neudeutsch“ – es gibt sogar schon einen Wikipedia-Eintrag, damit es auch der letzte Zweifler kapiert.

An der Schutzhütte am Spielfeldrand des Niedersächsischen Poloclubs mache ich noch ein paar Fotos, ich mag diese Ecke, wir sind sehr oft hier auf unseren Runden mit dem Fahrrad zum Waldkater-Biergarten. Mit Ron war ich vor ein paar Jahren hier und wir haben an dieser Stelle Fotos geschossen, für Website, Plakate und Zeitungsartikel. Das alles geht mir so durch den Kopf, in der Stille dieser Mittagspause, so unwirklich, bei fröhlichem Vogelgezwitscher. Und doch ist es seit Tagen ganz anders.

Selbst die Pferde auf der Koppel scheinen Abstand zu halten, sie sind immer paarweise auf kleineren Parzellen, dazwischen dicke Elektrozaunkabel. Aber das hat sicher andere Gründe. Sieht aber nach #wirhaltenabstand aus.

Am Abend die Nachrichten, mehr als 1.000 Tote in Italien heute, es ist kein Ende in Sicht, in den USA geht es jetzt auch richtig los. Bob Dylan, demnächst 79, hat uns heute einen unveröffentlichten Song geschenkt, „Murder Most Foul“ , eine Playlist für das Ende Amerikas, titelt die Zeit. Treffender kann man das kaum in einen Satz packen. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich dieses 16 Minuten lange Stück. Ich mag das Lied, man muss schon genau hinhören. Den Text findet man z.B. auch hier. Die meisten der genannten Künstler finden sich auch in meiner Plattensammlung. Der Song ist schon ein paar Jahre alt, aber einen passenderen Zeitpunkt zur Veröffentlichung gibt es wohl kaum. In den USA wird sich die Gesellschaft nach dieser Krise noch radikaler ändern als in Europa, das ist zumindest meine Vermutung. Möglicherweise (hoffentlich) hält der irre Donald nicht mal bis zu Wahl durch.

Das alles mutet inzwischen wirklich wie ein Krieg an, den mal beim Spazierengehen aber nicht sieht, die Ruhe ist so trügerisch. Aber in den Interviews, die man hier und da vom Klinikpersonal sieht, geht es um fehlende Schutzausrüstungen, eine Chefärztin hat gesagt, sie schicke ihre Leute nicht ohne Masken als Kanonenfutter an die Front. Und vom glubschäugigen Gesundheitsminister mit dem schrägen Blick hört man nichts Brauchbares. Die vielen Masken sind nicht da, ein Teil verschwand in Afrika… (vielleicht eine Strophe für ein Lied). Was treiben die 700 Mitarbeiter in seinem Ministerium eigentlich so? Nicht nur jetzt, sondern auch sonst?

Die Pest der Globalisierung hat die Welt gerade an den Abgrund gebracht, vielleicht schon darüber hinaus. Das alles geht mir so durch den Kopf, auf dem eigentlich so friedlichen Spaziergang in der Mittagspause.

Auf der Allee zwischen Maspe und Altenhorst

Und wieder zurück am Schreibtisch wartet die nächste Videokonferenz. The show must go on. Auch wir müssen unsere finanziellen Verpflichtungen erst verdienen. Wir haben großes Glück und können das noch, es ist noch Arbeit da. Vollkommen digital und mit Abstand. Bis einer den Stecker zieht.

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